Es gibt Orte, die mehr sind als Mauern und Räume. Orte, in denen Zeit spürbar bleibt. Wer das August Macke Haus in der Bonner Nordstadt besucht, tritt nicht einfach in ein Museum ein, sondern in ein Lebensgefühl – in ein Stück Aufbruch, in die Atmosphäre einer Epoche, in die Gedankenwelt eines Künstlers mit umfangreichem Werk, der nur 27 Jahre alt wurde und doch bis heute nachwirkt.
August Macke war einer der namhaftesten Vertreter des Expressionismus. Als Mitglied der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ und mit seinem breiten Netzwerk innerhalb der Kunstwelt oder als Reisender zwischen den europäischen Kunstmetropolen verband er rheinische Lebensfreude mit avantgardistischer Progressivität. Seine Bilder sind erfüllt von Farbe, Dynamik, Licht und Zuversicht. Und sie tragen eine Handschrift, die ohne Bonn nicht denkbar wäre.
„Vom Atelierfenster aus der Blick auf die Marienkirche, die, von Vorstadthäusern umgeben, jeden Tag in anderer Stimmung sich zeigte. […] Im Frühjahr war alles in ein Meer von Blüten getaucht.“ Die Schilderungen von Mackes Ehefrau Elisabeth sind mehr als nostalgische Erinnerungen. Sie verorten Mackes Werk in einer konkreten Umgebung: der Blick auf die Marienkirche, das wechselnde Licht, der Garten hinter dem Haus. All dies floss in seine Kunst ein und wurde zu wiederkehrenden Motiven. Bonn war für Macke nicht nur Wohnort, sondern Inspirationsquelle. Das bürgerliche Wohnhaus am damaligen Stadtrand Bonns – heute westliche Nordstadt – war Schauplatz intensiver künstlerischer Arbeit – hier entstanden zahlreiche Hauptwerke seines expressionistischen Œuvres.
Der Expressionismus setzte auf kräftige Farben und klare Formen, um Stimmung und Gefühl auszudrücken. Bei Macke jedoch wirkt nichts laut oder grell. In Bonn malte er Orte in der Innenstadt und Szenen am Rhein. Er zeigte Menschen im Alltag, oft ohne Gesichtszüge, damit Haltung und Farbe für sich sprechen. Die Stadt erscheint bei ihm offen und freundlich. Das Licht am Rhein, die Felder der Vorstadt und das alltägliche Treiben prägten seine Motive. Dabei war sein Wohnhaus Schaffens- wie Rückzugsort und Künstlertreffpunkt zugleich.
Heute lässt sich diese Nähe noch spüren. Wer das Wohnhaus August Mackes betritt, steht in denselben Räumen, in denen Macke arbeitete. Die schmalen Treppen, der Blick in den Garten, das ehemalige Atelier mit dem spektakulären Oberlicht und seinem Blick auf die Marienkirche – sie vermitteln eine unmittelbare Verbindung zu seinem Leben. Das Haus wirkt nicht wie ein distanzierter Ausstellungsort, sondern wie ein Ort mit Erinnerung.
Dass dieses Haus mit seinem Garten heute noch viel besichtigt werden kann, ist dem Engagement vieler Bonnerinnen und Bonner zu verdanken, denn in den 1980er-Jahren drohte der Umbau zur Gaststätte oder gar der Abriss des Gebäudes. Was folgte, war ein leidenschaftlicher Einsatz für den Erhalt – ein bürgerschaftliches Bekenntnis zur eigenen kulturellen Geschichte der Stadt.
Aus dieser Bewegung entstand das Museum: zunächst als Erinnerungsstätte, heute als international anerkanntes Ausstellungshaus.
„Am 21. Januar 1913 hatten wir Besuch von Apollinaire und Delaunay. […] Sie blieben über Nacht. […] Ich weiß nur, dass wir sehr viel gelacht haben und so ausgelassen waren, wie es eigentlich nur ganz junge Menschen sein können“, schrieb Elisabeth über einen Besuch im Januar 1913. Gemeint waren der französische Dichter Guillaume Apollinaire und der Maler Robert Delaunay. Eigentlich wollten sie weiterreisen, doch das Gespräch zog sich bis spät in die Nacht. Man lachte, diskutierte über neue Bilder und neue Wege in der Kunst.
Diese Szene zeigt, wie eng Macke mit Künstlern seiner Zeit verbunden war. Seine Freundschaften mit Franz Marc, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter verbanden ihn mit den zentralen Figuren des Expressionismus, er organisierte Ausstellungen und setzte sich für die damals zeitgenössische Kunst ein. Bonn wurde so zu einem Ort internationaler Kontakte. Von hier aus knüpfte er Verbindungen nach Berlin, München und Paris.
Der Austausch prägte auch seine Malerei. Anregungen aus Frankreich wie von Robert Delaunay verband er mit seinen Motiven. Er übernahm Impulse, ohne seine eigene Handschrift aufzugeben. So entstanden Bilder, die offen für Neues sind.
Diese Offenheit prägt das Museum auch heute. 2017 wurde ein Erweiterungsbau errichtet, der sich nahtlos an das ehemalige Wohnhaus in der Bornheimer Straße anschließt. Der moderne Trakt schafft Raum für mehrmals jährlich wechselnde Ausstellungen. Hier sind nicht nur Werke von Macke zu sehen, sondern auch die Kunst seiner Zeit und Positionen von heute. So treten Vergangenheit und Gegenwart in einen Dialog.
Gleichzeitig öffnet sich das Museum bewusst für die Stadt, denn die neuen Räumlichkeiten bieten die Möglichkeit für Veranstaltungen und zahlreiche Bildungsangebote. Kinder experimentieren in Workshops mit Farben, Schulklassen erkunden das Atelier, Studierende forschen zu Themen der Klassischen Moderne – jener Epoche zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der viele Künstler neue Ausdrucksformen suchten. Für ältere Menschen bietet das Haus barrierefreie Besuche und Gesprächsrunden an, die Erinnerungen und Kunst verbinden. In inklusiven Projekten arbeiten Menschen mit und ohne Einschränkung zusammen. Das Museum versteht sich als Ort, an dem Menschen einander begegnen und in den Austausch kommen.
Diese Aussage August Mackes in einem Brief an Franz Marc verrät seine tiefe Zuneigung zur Stadt Bonn. Macke schätzte das Unaufgeregte, das Bürgerliche, die Straßenszenen seiner Umgebung. Er fand Inspiration nicht im Spektakulären, sondern im Alltäglichen. Er beobachtete das Viertel um sein Haus herum, Hunde, Reiter, spielende Kinder. Er nahm das Stille ebenso ernst wie das Lebendige. Seine Bilder bewahren diese Eindrücke bis heute.
Das heutige Museum knüpft bewusst an diese Verbundenheit an. Es engagiert sich im Viertel rund um die Bornheimer Straße, unter anderem als Initiator des Macke-Viertel-Fests. An diesem Tag öffnen Ateliers und Höfe, Musik erklingt, Nachbarn kommen ins Gespräch. Kunst verlässt die Ausstellungsräume und wird Teil des Stadtlebens. So entsteht eine Atmosphäre, die an die Offenheit erinnert, die einst im Wohnhaus herrschte.
Denn auch August Macke brachte sich über sein künstlerisches Schaffen aktiv in das kulturelle Leben seiner Zeit ein. Er wollte, dass moderne Kunst in Bonn sichtbar wird und ernstgenommen wird – auch in einer Stadt, die er als eher ruhig und zurückhaltend empfand. Daher ergriff er die Initiative, um neue künstlerische Strömungen in die Stadt und das Rheinland zu holen. Er initiierte unter anderem die Ausstellung Rheinischer Expressionisten im Jahr 1913, in welcher Werke von Heinrich Campendonk, Max Ernst, Hans Thuar und weiteren Künstlern aus seinem Umfeld gezeigt wurden.
Doch kulturelle Strahlkraft allein garantiert auch heute keine ökonomische Sicherheit. Für das Museum als Haus ohne öffentliche Förderung ist die Wirtschaftlichkeit eine anspruchsvolle Balance zwischen kulturellem Auftrag und finanzieller Realität. Der Erhalt des historischen Gebäudes, wechselnde Sonderausstellungen und pädagogische Programme erfordern kontinuierliche Mittel. Lokale Unterstützer – private Förderer wie lokale Unternehmen – zu finden, welche sich finanziell für das Haus engagieren, bleibt eine zentrale Aufgabe, um diese Arbeit zukunftsfähig fortzusetzen. Kunst und Kultur stehen für Kreativität, Innovation, Authentizität, Austausch und Begegnung. Dies zu fördern und damit einen Beitrag zum kulturellen Leben der Region zu leisten, kann das Profil von Unternehmen positiv prägen. Auch wenn einige mittelständische Unternehmen und Konzerne auf eine solche Unternehmenskultur setzen, bietet das Engagement für Museen wie das August Macke Haus ein großes Potenzial für sichtbare und wirkungsvolle Partnerschaften. Entsprechend eröffnet das Haus Unternehmen individuelle Möglichkeiten der Förderung, die gemeinsam entwickelt werden können.
Im Museum August Macke Haus begegnet man nicht nur Bildern an weißen Wänden. Man erlebt einen Künstler, der Bonn liebte, der internationale Kontakte pflegte und der neue Wege suchte, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Seine Motive – Gärten, Straßen, Spaziergänger – erzählen bis heute von einer Stadt im Aufbruch.
Das Museum hält diesen Geist wach. Es fördert Austausch, lädt zur Diskussion ein und öffnet Räume für junge Ideen. Es übernimmt Verantwortung für Bildung und kulturelle Teilhabe. Und es erinnert daran, dass große Kunst oft dort entsteht, wo jemand genau hinsieht – aus dem Fenster eines Hauses in Bonn.
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